creditshelf magazin
Nº08 | März 2020
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STATUS: NICHT VERTRAUENSWÜRDIG

Über das chinesische Social-Credit-System (SCS) haben Medien in letzter Zeit oft berichtet. Dennoch tappen viele Unternehmen im Dunkeln, wenn es um die alltäglichen Auswirkungen auf das Auslandsgeschäft in China geht. Laut einer Umfrage der Deutschen Handelskammer in China (AHK Greater China) sind knapp 70 Prozent der dort ansässigen deutschen Unternehmen nicht mit dem System vertraut.

Während sich China für internationale Player immer mehr öffnet, möchte es durch die Einführung des sogenannten Social-Credit-Systems (SCS) das Umfeld der Marktteilnehmer zugleich möglichst umfänglich regulieren. Das System soll Transparenz schaffen und für in- und ausländische Firmen gleichermaßen gelten. Doch wie konkret sind europäische Unternehmen vom SCS eigentlich betroffen? Ziemlich stark, so die einhellige Einschätzung der meisten Außenhandelsexperten. Umso erstaunlicher, dass sich viele der Unternehmen noch nicht aktiv damit beschäftigt haben. Dabei soll das SCS bereits Ende 2020 verpflichtend in Kraft treten.

Das Rating-System gilt ausschließlich für Unternehmen, die in China registriert sind. Bei einer Neuregistrierung startet es bei null, danach werden alle Daten verschiedenster Behörden wie Finanzamt, Zollbehörde, Verkehrsaufsicht und Umweltbehörde gesammelt und mit einer Punktzahl (Score) bewertet. Dabei wirkt nicht nur das Verhalten der Unternehmen selbst auf den Score – auch die gesetzlichen Vertreter und das Management sowie die Geschäftspartner sind im Fokus. Folglich sind die Betriebe gezwungen, ihre Mitarbeiter sowie die einzelnen Glieder der Lieferkette fortlaufend zu prüfen und zu überwachen. Spätestens bei der Überwachung der Mitarbeiter – auch außerhalb des Arbeitsplatzes – dürften europäische Unternehmen aus datenschutzrechtlichen Gründen an ihre Grenzen stoßen. Hier gilt es praktikable Lösungen zu finden.

Transparenz kann bei Geschäftsanbahnung helfen
Als vorteilhaft am neuen SCS sehen Experten die steigende Chancengleichheit aus- und inländischer Firmen. Denn wie eingangs erwähnt, macht das System keinen Unterschied bei der Herkunft der Unternehmen. Der Wettbewerb auf dem chinesischen Markt könnte sich künftig also fairer gestalten. Für fehlende Fairness stand dieser in der Vergangenheit häufiger in der Kritik. Allerdings schließen Experten nicht aus, dass chinesische Unternehmen bei der Erfüllung der Anforderungen einen Heimvorteil genießen könnten – und sei es wegen der sprachlichen Voraussetzungen bei der Klärung von Feinheiten. Ein weiterer positiver Aspekt: Die Bewertung macht alle Unternehmen transparenter, so dass das SCS auch als vertrauensbildende Maßnahme gesehen werden kann. Ein hilfreiches Instrument also, wenn sich eine neue Geschäftsbeziehung anbahnt.

Social-Credit-System – Was ist zu tun?
Haben sich die Compliance-Abteilungen europäischer Firmen noch nicht mit dem Thema beschäftigt, sollten sie damit schnellstmöglich beginnen. Denn der Registrierungsprozess ist sehr umfangreich und erfordert einige Vorbereitungen. Unternehmen sollten sich alle Anforderungen für ein hohes Rating genau ansehen und prüfen, inwieweit sie diese aktuell erfüllen. Werden Lücken oder eine mangelnde Einhaltung der chinesischen Regularien festgestellt, gilt es, zügig gegenzusteuern und die jeweiligen internen oder externen Prozesse zu optimieren.

Panik ist allerdings nicht angebracht, denn viele Anforderungen existieren bereits heute und werden von international agierenden Unternehmen schon erfüllt. Neu sind insbesondere die zentrale Zusammenführung der Informationen und der Datenaustausch zwischen den Behörden, so dass Sanktionen schneller durchgesetzt werden können. Eine der größeren Herausforderungen für Unternehmen, die auf dem chinesischen Markt agieren, wird das Erreichen oder Sichern eines positiven Scores sein. Ist ein Betrieb von einem schlechten Rating betroffen, kann er dagegen vorgehen. Dafür muss er einen „Credit Rescue Commitment Letter“ und eventuell noch weitere Materialien einreichen.

Europäische Unternehmen sollten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Wettbewerbsfähigkeit auf dem chinesischen Markt nicht mehr allein von der eigenen Strategie und Produktpalette abhängt. Zukünftig entscheidet auch das politische und soziale Verhalten aller Beteiligten über den Geschäftserfolg im Land der aufgehenden Sonne.

Für Fragen rund um deutsch-chinesische Geschäftsbeziehungen können sich Unternehmen an die Auslandshandelskammer China (AHK Greater China) wenden: 

https://china.ahk.de/de/

Das Social-Credit-System in Kürze