creditshelf magazin
Nº08 | März 2020
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ZUKUNFTSTECHNOLOGIE BLOCKCHAIN

Von Waschmaschinen und Blockchains

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie kommen nach dem Fitnessstudio nach Hause und packen ihre Sporttasche aus. Sie nehmen ihre Sportkleidung heraus und stecken sie in die Waschmaschine. Knopf drücken, warten, rausnehmen, trocknen lassen – einfach, oder?

Chang Ha-joon, Wissenschaftler der Universität Cambridge, sagt: Die Waschmaschine hat die Welt verändert. Der Grund: Nach Erfindung der Waschmaschine in den 1960er Jahren hatten die Menschen in den Industrieländern – insbesondere die Frauen – mehr freie Zeit zur Verfügung. Dies, so Chang Ha-joon, habe die Emanzipation der Frau beschleunigt. Ähnlich wie die Waschmaschine könnte auch die Blockchain die Welt verändern und zur Normalität werden. Doch was ist die Blockchain überhaupt? Und welches Potential hat sie für den Kapitalmarkt? Und kann sie auch Wäsche waschen? 

Die Basics der Blockchain-Technologie
Bei der Blockchain-Technologie handelt es sich um eine besondere Form elektronischer Datenbanken. Sie beruht auf digitalen Datenblöcken und eignet sich besonders gut zur Abbildung von Transaktionen. Informationen, wie beispielsweise Überweisungen oder Wertpapiere, werden verschlüsselt, digital gespeichert und zu Datenblöcken zusammengefasst. Neue Blöcke werden an die alten angehängt. Die Datenkette wächst so immer weiter.

Das Besondere: Jeder kann sich eine Kopie einer Blockchain auf seinen Rechner herunterladen und sich so einem weltweiten Computernetzwerk anschließen. Die Kette ist dann in Tausenden Computern rund um den Globus gespeichert. Sobald jemand etwas in die Blockchain eintragen möchte, muss der Eintrag zunächst authentifiziert und vom Netzwerk freigegeben werden. Da jeder Block in der Datenkette unveränderlich ist und von Hunderten Computern geprüft wird, gelten Transaktionen als so gut wie fälschungssicher. Blockchains kommen deshalb ohne eine zentrale Kontrollinstanz aus.  

Blockchain für den Kapitalmarkt 
Die Blockchain-Technologie kann das Finanzsystem von Grund auf verändern. Viele Prozessschritte werden schneller und deutlich kostengünstiger umzusetzen sein. Da viele analoge Zwischenschritte wegfallen, schafft die Blockchain Transaktionen, die heute Tage dauern, innerhalb weniger Minuten.

So können digitale Aktien zukünftig direkt und nicht über ein Emissionsverfahren platziert werden. Mittels sogenannter Smart Contracts können bei Anleihen automatisierte Zinszahlungen veranlasst oder Derivate abgebildet werden. Bei Smart Contracts handelt es sich um Computerprotokolle, die Verträge abbilden und automatisch ausführen können. Die Transaktionskosten werden so erheblich reduziert. 

Dass die neue Architektur aus Blockchain und Smart Contracts funktionieren kann, zeigen Pilotprojekte. DAX-Unternehmen wie Daimler, Siemens oder Continental haben die Technologie bereits erfolgreich genutzt. An Blockchain-Plattformen wird derzeit ebenfalls gearbeitet, mit dem Versprechen die Prozesse noch weiter zu vereinfachen. 

Regulatorische Rahmenbedingungen erforderlich 
Soweit die Theorie. In der Praxis stößt die Blockchain öfter an rechtliche Grenzen. In Deutschland ist es beispielsweise nicht möglich, Aktien ohne eine Urkunde in Papierform zu begeben. Hier gilt es jetzt, die Weichen richtig zu stellen. Wichtig dabei: Sicherheit, Transparenz, Marktintegrität und Haftung müssen auch in einem Wertpapiersystem, das auf der Blockchain basiert, gewährleistet werden.

Die Bundesregierung geht mit ihrer Blockchain-Strategie bereits in die richtige Richtung. Sie will das deutsche   Recht für elektronische Wertpapiere öffnen und die Vorgabe der Papierform teilweise abschaffen. Demnächst, so der Plan, sollen Schuldverschreibungen ohne Papier auskommen. Nationale Alleingänge sind aber auf Dauer nicht sinnvoll.  Da ein Flickenteppich an nationalen Regeln im internationalen Wettbewerb nicht zukunftsfähig sein wird, braucht es eine europäische Lösung.

Fazit 
Bei allem Potential: Die Blockchain ist keine Wundertechnologie. Aktuelle Probleme, wie die mangelnde Skalierbarkeit, der hohe Stromverbrauch, der technische Aufwand und die rechtlichen Hürden, müssen erst gelöst werden.

Zum Wäschewaschen lassen sich Blockchains allerdings gut nutzen. IBM und Samsung haben bereits ein Projekt durchgeführt, in dem eine Waschmaschine mittels Blockchain und Smart Contract selbstständig Waschmittel bestellt und bezahlt. Die Wäsche muss leider weiterhin noch manuell in die Trommel. Ob die Blockchain, wie die analoge Waschmaschine, die Welt revolutionieren wird, bleibt abzuwarten.


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