creditshelf magazin
Nº10 | Sep 2020
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Kamingespräch „2021“ Prof. Michael Heise

… ist Geschäftsführerin der Raclet & Herter Financial Community Relations and Culture GmbH. Sie gründete das Unternehmen aus der Überzeugung, dass Lösungen für die gigantischen Herausforderungen unserer Zeit den systematischen Austausch von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur voraussetzen. Dass sie Impulse und Konzepte dafür schaffen und organisieren kann, beweis sie von 2000-2018 bei der Deutschen Börse: Als Protokollchefin dreier CEOs, als PR-Leiterin der Finanzplatz e.V. auf dem internationalen Parkett. Die Diplom-Volkswirtin war zudem Pressesprecherin und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Industrie- und Handelskammer Fulda. Als Sopranistin im Nebenberuf bringt sie 14 Jahre Expertise über Musik als Kulturschatz mit ein.



… ist Gründer der Beratungsfirma macroadvisors und Chefvolkswirt des Multi-Family-Office HQ Trust. Bis 2019 war er Chefvolkswirt der Allianz SE und zuständig für volkswirtschaftliche und kapitalmarktstrategische Analysen des Konzerns. Prof. Heise war zuvor acht Jahre lang Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die deutsche Bundesregierung berät. Zudem hat er als Chefökonom und Leiter Research bei der DZ Bank und ihrer Vorläuferin DG Bank gearbeitet. Prof. Heise wurde von der Financial Times Deutschland und der Süddeutschen Zeitung mehrfach zum Prognostiker für die deutsche Wirtschaft ernannt. Er ist einer von Deutschlands bekanntesten Ökonomen und regelmäßiger Kommentator finanz- und geldpolitischer Themen in der Presse. Heise ist Autor mehrerer Bücher und Mitglied zahlreicher Gremien.



Raclet: Seit März 2020 beherrscht die Corona-Pandemie die Top-Themen weltweit. Die Pandemie hat erhebliche, im Ausmaß nicht gekannte Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Wie verkraftet die deutsche Volkswirtschaft aus Ihrer Sicht den historischen Einschnitt?

Heise: Wir erleben derzeit die schwerste Konjunkturkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die deutsche Volkswirtschaft verkraftet die Pandemie aber deutlich besser als andere. Aktuell rechne ich nach dem Einbruch im zweiten Quartal mit einer Stabilisierung im zweiten Halbjahr. Für 2021 sollten wir einen Zuwachs von fünf bis sechs Prozent beim Bruttoinlandsprodukt erreichen.

Raclet: Hat die Politik mit Sofortmaßnahmen, Hilfsprogrammen und Konjunkturpaket die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen, um nach dem komplexen wirtschaftlichen Corona-Schock den Schaden für die deutsche Wirtschaft zu begrenzen? 

Heise: Die Politik hat gut reagiert, was dazu beitrug, dass sich die Konjunkturindikatoren bereits seit Mai verbessert haben. Der deutsche Rettungsschirm schützt in vielen Fällen vor Arbeitslosigkeit und Insolvenz – er ist richtig konzipiert worden, auch wenn einiges nachgeregelt werden musste. Die Politik hat einen guten Job gemacht!

Raclet:  Was hätte die Bundesregierung besser machen können? 

Heise: Mit dem Rettungsschirm sind wir breit und gut aufgestellt. Zur Finanzpolitik habe ich eine abweichende Meinung: Durch das neue Paket steigt die Verschuldung um weitere 75 Milliarden Euro. Die Wirkung der Maßnahmen wird die zusätzliche Verschuldung nicht rechtfertigen. Auch die Mehrwertsteuersenkung ist wenig effizient: Sie erzeugt jetzt Vorzieheffekte, die zu einer niedrigeren Nachfrage 2021 führen werden. Die Konjunktur hätte sich auch ohne diese Maßnahme erholt. 

Raclet: In Folge der Finanzkrise 2008 brach die deutsche Wirtschaft um 5,7 Prozent ein. Die Wirtschaftsweisen rechnen für 2020 beim Bruttoinlandsprodukt mit einem Minus von sechs bis sieben Prozent. Wie sieht Ihre mittelfristige Prognose aus? 

Heise: Bei den Zahlen der Wirtschaftsweisen gehe ich mit. Wir werden mit einer kräftigen konjunkturellen Erholung aus dem dritten Quartal hinausgehen – aber Einkommens- und Wohlstandsverluste lassen sich nicht vermeiden.

Raclet: Im Mai brach der deutsche Export um mehr als 30 Prozent ein. Wie lange, schätzen Sie, wird es dauern, bis die deutschen Exporte wieder das Niveau vor der Corona-Krise erreicht haben? 

Heise: Das ist eine spannende Frage. Die Antwort hängt von dem Verlauf der Pandemie in den wichtigen Exportländern ab. In den USA und in Brasilien beispielsweise sind die Fallzahlen sehr hoch; diese Länder haben eine schwierige Zeit vor sich. Die Weltwirtschaft wird noch länger sehr gedämpft laufen. Ich rechne mit ein bis zwei Jahren. Aber Deutschland profitiert von vielen Produktionsstätten im Ausland – zum Beispiel in China. Wir sind so weniger betroffen von Restriktionen bei Import, Transport und Logistik. 

Raclet: Das ist ein positiver Aspekt der Internationalisierung. – Wann werden, wann können wir in Deutschland die tiefe Rezession überwinden? 

Heise: Im Mai hatten wir bereits ein Plus bei der Produktion gegenüber April. Seit Juni sind wir auf dem Weg aus der Rezession. Es wird jedoch lange dauern, bis wir sie komplett überwunden haben, beispielsweise mit Blick auf die Arbeitslosigkeit.

Raclet: Deutschland gilt international als Vorbild für den Umgang mit der Pandemie und ihren Auswirkungen. Wie steht es mit der Zugkraft der größten Volkswirtschaft Europas – ist sie in der Krise Vorbild für andere europäische Länder? 

Heise: Betrachten wir zwei Elemente: die Pandemiebekämpfung und die wirtschaftliche Seite. Die Bekämpfung der Pandemie ist uns gut gelungen, weil wir nicht die ersten Betroffenen waren und lernen konnten. Dennoch gilt: Wir sind, wie andere, unvorbereitet in die Pandemie geschlittert. Aus wirtschaftlicher Perspektive besitzt Deutschland eine hohe Zugkraft für Europa. Wir haben uns finanzpolitisch einen großen Spielraum erarbeitet. Die sparsame Haushaltspolitik der vergangenen Jahre wirkt jetzt absolut positiv. Beliebt ist unser Land dafür nicht in Europa, weil wir unsere Unternehmen besser schützen können und damit vermeintliche Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Staaten haben.

Raclet: „Das Geld aus der Notenpresse der EZB ist der Kitt, der Europa zusammenhält“, schreibt Gabor Steingart in seinem Morning-Briefing vom 2. Juli 2020. Handelt die EU nach Ihrer Einschätzung derzeit nachhaltig und verantwortungsbewusst? 

Heise: Die Geldpolitik der EZB mit weitreichenden Ankündigungen hat die Vertrauenskrise in den Finanzmärkten verhindert. Die Angst vor dem Zusammenbruch war groß, deshalb hätte ein weniger entschiedenes Handeln Schaden angerichtet. Dass der groß dimensionierte Ankauf von Staatsanleihen bereits lange geschieht, ist jedoch kritikwürdig. Langfristig müssen wir aus dieser Politik aussteigen. Der Spielraum dafür schmilzt.

Raclet: Stichwort Resilienz der europäischen Volkswirtschaften gegen weitere Risikofaktoren, wie Brexit und Handelskonflikte. Wo können wir ansetzen, um gemeinsam stärker zu werden? 

Heise: Wir müssen die Binnenwirtschaft in Europa stärken und weniger abhängig vom Außenhandel werden. Binnendynamik entsteht durch mehr Investitionen in Europa. Die Voraussetzung sind bessere Rahmenbedingungen für Investoren. 

Raclet: Zum Schluss: Bei allem Schrecken bieten Krisen Chancen. Sehen Sie eine solche Chance, die Deutschland, die die EU wahrnehmen sollte? Ich denke dabei unter anderem an die deutsche Ratspräsidentschaft. 

Heise: Europa ist dabei, seine Chance zu nutzen: Das 750-Milliarden-Euro-Hilfspaket zeigt nicht nur Solidarität in der Krise. Es könnte auch dazu beitragen, Europa wettbewerbsfähiger zu machen. Die Mittel müssen dazu in eine produktive Verwendung fließen: Gesundheit, Digitalisierung, Vernetzung, Verkehr, also die großen Infrastrukturthemen. Wenn das gelingt, steigt international die Wahrnehmung eines geeinten Europas.

Raclet: Vielen Dank, Herr Professor Heise, für dieses informative und bei allem Ernst des Themas beflügelnde Gespräch.